MCS ist seit über 60 Jahren bekannt und damit im Prinzip ein „alter Hut“. Die Krankheit ist medizinisch gut erforscht; es gibt darüber eine über zehntausend Seiten umfassende medizinische Fachliteratur. Von der WHO als höchste Gesundheitsorganisation ist MCS unter dem Kürzel ICD-10 T78.4 seit mehr als 20 Jahren anerkannt. Wenn also der Tagesanzeiger und andere Zeitungen jahraus und jahrein dieselbe Mär übernehmen, dass die Krankheit „noch zu wenig erforscht“ und „nicht anerkannt“ sei, dann ist dies schlicht und einfach nicht wahr.

Zutreffend ist jedoch, dass die Schweizer Invalidenversicherung (IV) mit MCS „nicht viel am Hut“ hat.

Wie die Schweizer IV (Invalidenversicherung) aus einer körperlichen Erkrankung (Allergie) eine „somatoforme Störung“ zaubert
Eine hochgradige Chemikaliensensibilität ist relativ selten. Weil das Schweizer Gesundheitswesen und die staatliche Invalidenversicherung mit seltenen Erkrankungen und „medizinischen Extrawürsten“ offensichtlich nicht allzu viel zu tun haben wollen, versucht man die Sache zu vereinfachen.
Wichtig ist dabei,
keine medizinischen Fachärzte betr. MCS beizuziehen, sondern eine MEDAS (medizinische Abklärungsstelle), welche von dieser Erkrankung Null Ahnung hat. Kurzerhand wird (selbst gegen Gutachten der Allergiestation des UniversitätsSpitals Zürich) – bitte nicht verwundert sein (!) – MCS in eine
„somatoforme Störung“ umgewandelt. Ist ein hoher Allergiewert z.B. IgE von über 2’600 charakteristisch für das Vorhandensein einer „somatoformen Störung“? Nein. Sind ebenfalls via Labor ausgewiesene Nahrungsmittelunverträglichkeiten Anzeichen für eine „somatoforme Störung“? Nein. Ist eine absolute Unverträglichkeit von Parfümstoffen und anderen Umweltschadstoffen (durch Provokationstests reproduzierbar!) ein charakteristisches Merkmal einer „somatoformen Störung“? Nein. Aber für MCS, wie auch die geschilderten Nahrungsmittelunverträglichkeiten oder ein hoher igE-Wert als Indiz für das Vorhandensein einer Allergie.
Selbst, wenn man diagnostisch rein mit Fragebogen (Qeesi MCS-Fragebogen, PDF 196 KB) vorgeht (und nicht mit Laboruntersuchungen etc.), wird sich die „somatoforme Störung“ von MCS dadurch unterscheiden, dass sich die erste auf psychologische/psychiatrische Fragen beschränkt und die zweite allergologische und umweltmedizinische miteinschliesst.
Was die Schweizer Invalidenversicherung seit Jahren betr. MCS betreibt, kann mit dem notwendigen umweltmedizinischen Wissen leicht als billiger
Schwindel entlarvt werden. Zum Glück gibt es aber auch Fälle, wo das System korrekt funktioniert, vgl. höchstrichterliche Anerkennung von schadstofffreier Bioernährung bei MCS, siehe http://www.polyreg.ch/d/informationen/bgeunpubliziert/Jahr_2007/Entscheide_8C_2007/8C.346__2007.html

PS: Es wäre schön und hilfreich, wenn sich Schweizer Ärzte und Medienleute korrekt und mit Rückgrat am Wissenstand betr. MCS orientieren würden anstatt irgendwelche „persönliche Meinungen“ oder „Vermutungen“ zum Besten zu geben. Beim Thema MCS geht es nicht um „Glauben“, sondern um Wissen.
Warum die Wahrheit schreiben Mühe macht bzw. gefürchtet wird, ist schon klar: Dann müsste man logischerweise auch einmal etwas über die Verantwortlichen (Produzenten und angepasste Konsumenten) schreiben.

IV und MCS (2) – Unterschied zwischen MCS und einer somatoformen Störung
IV und MCS (3) – Unterschied zwischen MCS und Neurodermitis